Mai 15, 2008

HARTZ IV SUXX

= HARTZ IV saugt aus

Mit schamlosen Fragen und Plakaten auf denen verstümmelte, gesichtslose Rumpfmenschen um Aufmerksamkeit buhlen, bewirbt der Kölner Stadtanzeiger gerade ein als Frühjahrsbelebung der schwindenden Abozahlen gedachtes online-Quiz. Speziell die Hartz IV -Plakate sind sozial - zynisch und die Menschenwürde verachtend.

Ein gutes Beispiel für die Deutschen Zustände, wie eine Regierungsstudie die von Angst und Unsicherheit geprägte gesellschaftliche Stimmungslage nennt. In der aufkeimenden Disziplinierungs- und Diskriminierungsatmosphäre* kann man sich ungehemmt empörende Kampagnen auf dem Rücken armer Menschen leisten, oder "Diät-Vorschläge" verbreiten, dass sich Arbeitslose locker von 4,25 € (Hartz IV-Tagessatz) gesund ernähren könnten, wie es der Berliner Finanzsenator Sarrazin (SPD) nicht müde wird zu behaupten, während seine Regierung ebenso locker Millionen mit Immobiliengeschäften im Spreebogen verzockt.

Der komplette Artikel ist bei 4SUXX zu finden.

* Peter Grottian
stellt die spannende Frage: "Warum lassen wir die Herrschenden soweit kommen, wo ist unser Widerstand, wo unser ziviler Ungehorsam, wo unser Widerstand, der den Herrschenden weh tut?"

Die Beantwortung überlässt er Heribert Prantl von der SZ, den er zitiert:
... die Disziplinierungs- und Diskriminierungsstruktur bildet als alltägliche Diskriminierung die Brücke Hartz IV. Wer Deutschland am Hindukusch verteidigt muss nicht nur die Militärausgaben ausweiten, sondern durch die Verbreitung von sozialen Ängsten eine terrorismustrotzende und soziale Akzeptanz herstellen.
Oder anders: Hegemonialer Smog militärischen Denkens erzeugt auch tendenziell die soziale Disziplinierung nach Hartz IV - mit Leistungen, die kein menschenwürdiges Leben zulässt, mit hundertausendfachen Zwangsumzügen und privatesten Beschnüffelungsmaßnahmen. 7,4 Millionen Menschen sind betroffen. 2,6 Millionen Kinder sind verarmt. Krieg und sozialer Krieg haben ein gebrochenes, nicht kausales aber strukturelles Entsprechungsverhältnis. Für ein abenteuerliches Kriegs- und Sicherheitsversprechen kann die Demokratie nicht vor die Hunde gehen!

aus der Rede Für mehr zivilen Ungehorsam!, vom 15.09.2007

grafik : 4SUXX | cc license

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August 29, 2007

Obdachlosigkeit auf Japanisch

Weil sie zu wenig Geld für eine richtige Wohnung haben, leben Tausende Japaner einer Untersuchung der Regierung zufolge in Internet-Cafes. Etwa 5.400 Menschen wohnten derzeit praktisch in den rund um die Uhr geöffneten Lokalen, teilte das japanische Gesundheitsministerium am Dienstag in Tokio mit.
...
14 Prozent der Befragten gaben an, dass sie nach familiären Problemen Zuflucht in den Cafes gesucht hätten. Das durchschnittliche Einkommen der Cafe-Flüchtlinge liegt nach Ministeriumsangaben bei 113.000 Yen [715 Euro] im Monat.
Ein fünfstündiger Aufenthalt in einem Internet-Cafe in Tokio kostet inklusive Verpflegung etwa 3.000 Yen [20 Euro]. Für 200 Yen können Besucher eine halbe Stunde duschen, auch frische Unterwäsche gibt es zu kaufen.
Internet-Cafes als Notunterkünfte | via futurezone |

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Januar 05, 2007

Wundertüte für Obdachlose

wedding87

Man nennt sie Penner oder Berber, früher auch Land- oder Stadtstreicher. Gemeint sind Obdachlose, besser gesagt Wohnungslose, die am Rand dieser reichen Gesellschaft leben, und die sichtbare Form der Armut darstellen. In Deutschland gibt es keine offizielle Statistik der Wohnungslosen. Die aktuellste Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) in Bielefeld bezieht sich auf das Jahr 2004 mit ca. 345.000 Personen, davon leben ungefähr 20.000 ohne Unterkunft auf der Straße, darunter 9.000 Kinder. Die BAGW spricht davon, dass von den 'auf Platte' lebenden Menschen zwischen 1990 und 2004 mindestens 225 Menschen erfroren sind, und weitere 107 Wohnungslose seien vorwiegend von jugendlichen Tätern getötet worden.

Andere Schätzungen sprechen von etwa 591.000 Menschen in Deutschland ohne einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum. Zusammen mit ungefähr 269.000 Aussiedlern ergibt das immerhin bundesweit 860.000 Menschen ohne eine Wohnung; das entspricht knapp der Gesamteinwohnerzahl von Köln, der viertgrößten deutschen Stadt.

Die romantische, idealisierende Vorstellung von Obdachlosigkeit findet man in Paris im sogenannten Clochard. Die Hilfsorganisation 'Enfants de Don Quichote' nutzte das in weihnachtlichem Glanze strahlende und von zahlreichen Touristen bevölkerte Zentrum der Seine-Metropole, um auf die aktuelle Armut aufmerksam zu machen.

In Frankreich sind offiziellen Zahlen zufolge etwa 86.500 Menschen obdachlos. Nach Angaben des Hilfswerks Emmaus verfügen eine Million Menschen über keine Wohnung. 100.000 Menschen leben demnach auf der Straße, die übrigen in Wohnwagen, Zelten oder Obdachlosenheimen. Die kirchliche Stiftung Abbé Pierre spricht sogar von insgesamt 3,2 Millionen 'schlecht untergebrachten' Franzosen. Der Verein 'Die Kinder von Don Quichote' spendete 100 rote Zelte, die entlang des Kanals Saint Martin aufgestellt wurden, und zum Jahreswechsel zu einer Aufsehen erregenden Medienkampagne geführt haben. Prominente Künstler, Politiker und Journalisten wurden eingeladen, zum Zeichen der Solidarität mit den Obdachlosen eine Nacht in den Zelten zu verbringen. Ein 'Manifest für das Recht auf eine menschenwürdige Wohnung' wurde ausgerufen.

Vier Monate vor der Präsidentschaftswahl hat die französische Regierung reagiert und will das Recht auf eine Wohnung gesetzlich verankern und einklagbar machen. Ministerpräsident Villepin hat angekündigt, dass ein entsprechender Gesetzesentwurf bis Ende Februar im Parlament diskutiert werden soll. Die Präsidentschaftskandidaten überschlagen sich mit Wahlversprechen: der Kandidat der Konservativen Sarkozy verspricht, dass es in zwei Jahren keine Obdachlosen mehr geben werde, sollte er die Wahl gewinnen.

Hastig stellt Sozialministerin Catherine Vautrin eine Soforthilfe von 70 Millionen Euro bereit, damit Obdachlose länger in Notunterkünften betreut werden können. 'Don Quichote' gehen die Zugeständnisse der Rechtsregierung nicht weit genug. Die Hilfsorganisation fordert durchgehende Öffnungszeiten von Notunterkünften und mehr Sozialwohnungen. 'Auf dem Rücken der sozial Schwächsten sollen Punkte für den Wahlkampf gesammelt werden' vermutet der sozialistische Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë. Gesetze allein sind keine Lösung, wenn der politische Wille fehlt. Seit 2000 ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass 20 Prozent der Neubauten Sozialwohnungen sein müssen, doch viele 'gutbürgerliche' Kommunen drückten sich davor und zahlen lieber die vorgesehenen Strafen.

Die Situation in der Bundesrepublik Deutschland wird sich ab diesem Jahr für Obdachlose und sozial Schwache wohl deutlich verschärfen. Nicht ein einziger regionaler Wahlkampf wird ausgetragen von dem sie möglicherweise profitieren könnten - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Die BAGW forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, dem französischen Beispiel zu folgen und in die deutsche Verfassung ein Recht auf Wohnen einzuführen, das den Wohnungsverlust verhindert. 'Es ist eines modernen Sozialstaats unwürdig, dass Menschen von dem Verlust ihrer Wohnung bedroht sind, wenn sie ihre Miete nicht mehr bezahlen können', sagte Dr. Thomas Specht-Kittler.

Obdach- und Arbeitslosigkeit sind ein Teufelskreis, aus dem die Betroffenen kaum herauskommen können. Ab 1. Januar 2007 sollen für ALG2-Empfänger Sanktionsmaßnahmen schneller angewendet werden. Nach der zweiten 'Plichtverletzung' kann der Hartz 4-Regelsatz schon um 60 % gekürzt werden, sogar Heizungs- und Unterkunftskosten können davon betroffen sein. Ob diese Regelung verfassungskonform ist, wird sich in künftigen Verfahren zeigen. Hat man erst die Wohnung verloren, ist es fast unmöglich wieder eine Arbeit zu finden, da wohnungslose Menschen, die in Wohnheimen leben, pauschal von Leistungen zur Beschäftigungsförderung ausgeschlossen sind.

Der 'moderne Sozialstaat' wird den sozialen Druck erhöhen, weitere Reformen hat Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Neujahrsansprache bereits angesprochen. Mit alten Tricks wird die Bundesagentur für Arbeit auch weiterhin die Arbeitslosenstatistik glätten, und Vertreter der Großen Koalition werden ungeniert Arbeitslose denunzieren, offenbar vom verängstigten Wahlvolk geduldet.
Es ist sehr bezeichnend wie verhalten die deutsche Mainstream-Presse auf die Pariser Aktionen reagiert. Wieviele Menschen haben eigentlich seit Einführung der gesetzlichen 'Verordnungen zur Reform des Arbeitsmarktes' (Hartz 4) ihre Wohnung verloren? Ist das Thema spektakulärer wenn es Akademiker betrifft?

still.collage : Toter Wedding
aus dem Fotofilm 'Barrikaden' Berlin 1987 | © Uwe Haack

in READERSEDITION wurde der Artikel unter dem Titel Ganz unten - Obdachlose ohne Lobby veröffentlicht.

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November 23, 2006

Umarmungen un/erwünscht

free hugs

Manchmal ist eine Umarmung alles, was wir brauchen
sagte sich der Australier Juan Mann, ging auf die Straße und bot Fremden kostenlose Umarmungen an, um 'Wärme in die Herzen der Menschen' zu bringen. Seine 2004 gestartete Aktion Free Hugs nahmen sich die Chinesen Chen in Peking und Baigu in Schanghai zum Vorbild, und wurden von der Polizei festgenommen. Den Behörden war zu viel menschliche Nähe suspekt.
"Jeden Tag sehen wir seltsame Gesichter, und meistens liegt Abneigung oder Feindschaft in ihren Augen. Warum können wir die Kälte in den Herzen der Menschen nicht mit unseren Umarmungen schmelzen lassen?" erläuterte Baigu seine Aktion.

Free Hugs Amsterdam wurden dagegen nach anfänglicher Skepsis zu einem Happening,
www.freehugscampaign.org | via shortlist |

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Oktober 24, 2006

Teilhabe durch Teilzeit

In Deutschland wird aktuell eine Geisterdebatte um Begriffe wie Armut und Unterschicht geführt.
Es wird mehr um politisch korrekte Begrifflichkeiten gestritten, als um die Frage, was denn zu tun ist gegen die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich und die Aussonderung eines größer werdenden Teils der Bevölkerung. Verhungern muß hierzulande dank sozialer Sicherungssysteme niemand, doch ein lebendiges Interesse am gesellschaftlichen Leben kann nur durch ein Gefühl von Zugehörigkeit und aktive Teilhabe entstehen.
in Teilhabe durch Teilzeit, Matthias Brake für telepolis

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Oktober 09, 2006

Für ein Ende der Demut vor der Wirtschaft

ist bei attac das Motto für kommende Herbstaktionen gegen den Sozialkahlschlag:
Die schwarz-rote Regierung und die deutsche Wirtschaft lassen keinen Zweifel, wohin die ökonomische Reise geht: Weniger Lohn, weniger Arbeitsplätze, staatlich verordnete Armut durch Hartz IV. Und Finanzminister Steinbrück hat noch einen oben drauf gesetzt: Der Staat will nicht mehr dafür sorgen, dass ausreichend Geld für Gesundheitsvorsorge, Renten und Pflege zur Verfügung steht. Wer sich trotzdem absichern will, soll halt weniger Urlaub machen. weiter ... | via attac.ag |

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Oktober 03, 2006

Zeit ist menschliches Leben

"Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler reist als UNO-Sonderberichterstatter in die Länder, die von Hunger und Not betroffen sind. Wird dort das jüngste offiziell deklarierte Menschenrecht auf Nahrung wirklich respektiert? Seine Erlebnisse und Berichte sind schonungslos und offen - offen wie sein ganzes Wesen, das die Augen nicht vor den Belangen der Welt verschließt und nicht schweigt, wo andere keine Sprache mehr finden."
ZUKUNFT DER ARBEIT X : Jean Ziegler | via a tempo 82 | 700kb, pdf
weitere Interviews zur ZUKUNFT DER ARBEIT | a tempo |

Das Imperium der Schande
Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung
Jean Ziegler, Bertelsmann 2005, 320 S, EUR 19,90 | amazon |

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September 07, 2006

Arm inmitten des Reichtums

usnw chipkasse

Arm inmitten des Reichtums

Krasse Gegensätze zeichnen ein Land, das schwerfällig nach seiner Zukunft sucht. Während nach einer aktuellen UNICEF-Studie sich die Anzahl der in Armut lebenden Kinder seit 2004 auf 2,5 Millionen verdoppelt hat, wird der Wehretat für 2007 um 480 Millionen aufgestockt. Ein recht 'uncooler' Vergleich, nicht aus einer Bananenrepublik, sondern mitten aus Deutschland. In einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt müssen Eltern ihre Kinder von der Ganztagsschule abmelden, weil sie kein Geld mehr haben, um dort das Essen zu bezahlen.

Die UNICEF-Studie zeigt, dass die Kinderarmut in Deutschland seit 1990 stärker gestiegen ist als in den meisten anderen untersuchten Industrienationen. Bundesweit werden in einer neuen Statistik des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Berufsjugendhilfe 16,2 Prozent der Kinder unter 15 Jahren als Sozialgeld-Empfänger geführt. Sozialgeld erhalten alle nicht erwerbsfähigen Angehörigen einer sogenannten "Hartz 4-Bedarfsgemeinschaft". Zynisch redet Kanzlerin Merkel im Berliner "Forum für Kinderarmut" davon, "dass Hartz IV die Lage der Kinder nicht verändert habe", ihr bereite die "emotionale Armut" durch mangelnde "Zuwendung und Erziehungskraft" der Eltern ebenso viel Sorge wie die materielle Armut. Vergessen ist dies, wenn sie im Kabinett über die systematische Ausweitung der Niedriglöhne spricht, vermutlich verfassungswidrigen Kürzungen des ALG2-Satzes um 30 Prozent nicht abgeneigt ist, und eine Steuerreform befürwortet, die die Unternehmen um Milliarden entlastet.

"Die Frage, wie sich Kinder in unserer Gesellschaft entwickeln, ist eine Frage nach der Zukunft unserer Gesellschaft" beendet die Kanzelrin ihren TV-Auftritt. Die Generation der Armen wächst mit diesem Wissen von Recht und Unrecht heran, einem radikalen sozialen Bewusstsein, das aufbegehren wird. Es sind die allgemeinen Verhältnisse, die das Verhalten des Menschen bestimmen, sein soziales Bewusstsein.

An der größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich wird auch das halbherzig eingeführte Elterngeld nichts ändern. “Es wird viel über ganztägige Betreuungsmöglichkeiten für Kinder gesprochen, aber die Bundesrepublik bildet in dieser Beziehung das Schlusslicht in Europa. ... Es ist eher so, dass die Erhöhung der Mehrwertsteuer am 1. Januar 2007 das Leben weiter verteuert und für benachteiligte Familien drastisch verschlechtert. Zu den Beteuerungen, die Armut - besonders die von Kinder und Jugendlichen - bekämpfen zu wollen, passt das überhaupt nicht“ fasst es Christoph Butterwegge zusammen.

Das Drama der Kinderarmut und die Rolle der Familien ist das Schwerpunktthema der aktuellen delta-Sendung bei 3Sat.
Kinder ohne Zukunft?
Do, 07.09.2006 21 H, Wiederholung 15.09.2006, 14 H.
Nach der Sendung gibt es hier den Podcast als mp3 (RSS-feed)

links zum Thema:
Klein und Arm Kai Paetow für germanblog

foto : Chipkasse
aus 'Unser schöner Neuer Wedding' Berlin-Wedding 1987 | © Uwe Haack

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Juni 22, 2006

Arbeitsdienst, Arbeitsdienst, Arbeitsdienst

ich-ag der woche
Stefan Müller macht sich Sorgen. Vielleicht darüber, dass er irgendwann einfach nicht mehr gebraucht wird. Schließlich ist er schon 30 Jahre alt. Dass Deutschland ihm eines Tages sagt: du bist überflüssig, das könnte er bestimmt nicht ertragen. weiter...
Nicole Tomasek in Jungle World 25

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Juni 20, 2006

Armut ist Verbrechen

In der 'täglichen Ration Wahnsinn' beim Schockwellenreiter finden sich unregelmäßig Text-Passagen von Karl Marx mit erstaunlicher Aktualität:
170 Jahre vor Hartz IV reformierte das englische Parlament die Armengesetzgebung: Dank öffentlicher Unterstützung ging es den Armen zu gut
Die Hauptquelle des akuten Zustandes des englischen Pauperismus fand es in dem Armengesetz selbst. Das legale Mittel gegen das soziale Gebrechen, die Wohltätigkeit, begünstige das soziale Gebrechen. Was den Pauperismus im allgemeinen betreffe, so sei er ein ewiges Naturgesetz, nach der Theorie von Malthus: "Da die Bevölkerung unaufhörlich die Subsistenzmittel zu überschreiten strebt, so ist die Wohltätigkeit eine Narrheit, eine öffentliche Aufmunterung für das Elend. Der Staat kann daher nichts tun, als das Elend seinem Schicksal überlassen, und höchstens den Tod der Elenden erleichtern."

Selbst schuld
Mit dieser menschenfreundlichen Theorie verbindet das englische Parlament die Ansicht, daß der Pauperismus das selbstverschuldete Elend der Arbeiter sei, dem man daher nicht als einem Unglück zuvorzukommen, das vielmehr als ein Verbrechen zu unterdrücken, zu bestrafen habe. weiter ... | junge welt |
| via schockwellenreiter |

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Juni 12, 2006

Arbeitslos und verunglimpft - ein kalkuliertes Zahlenspiel

wedding 8

Gerade rechtzeitig vor dem nationalen Fußballrausch hat der Bundestag das 'Gesetz zur Fortentwicklung der Grundsicherung für Arbeitsuchende' ('Optimierungsgesetz') beschlossen, da wettern nicht nur Unions-Politiker für weitere Einschnitte. Beeindruckend in ihrer Trivialität war Kurt Becks Ermahnung von Hartz-IV-Empfängern zu mehr Anstand, und 'nicht alles herauszuholen, was geht'.

Wenn CDU-Fraktionschef Volker Kauder die Arbeitsbereitschaft von ALG2-Antragstellern mit der Konfrontation eines 'Sofortangebotes' testen will, und Leistungskürzungen mit dem Generalverdacht des Missbrauchs begründet werden, dann formt man damit eine kollektive Stimmung, deren Ziel die Kriminalisierung zunehmender Bevölkererungsschichten ist. Populistische Mythenbildung ist schneller betrieben, als tiefgreifende Veränderungen zu entwickeln.

'Im Frühsommer 2006 sind die Unternehmen so positiv gestimmt wie seit dem Wiedervereinigungsboom nicht mehr', erklärt dagegen eine aktuelle Konjunkturumfrage. Die Arbeitslosigkeit werde nach der Erwartung des DIHK im Jahresdurchschnitt um rund 300.000 zurückgehen. Dies sei aber leider nur zu einem geringen Teil auf einen Aufbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zurückzuführen, stattdessen trügen auch eine Ausweitung der Ein-Euro-Jobs und statistische Bereinigungen im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktreform Hartz 4 zu dem Rückgang bei. Alles nur ein statistisches Problem?

Die 'Optimierung der Optimierung' wird Hartz 5 lauten, und weiterhin den Namen des ehemaligen Leiters der Kommission 'Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt' führen. Gegen Peter Hartz wurde im Oktober 2005 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue im Rahmen der VW-Korruptionsaffäre eingeleitet. Die Moral der Manageretage wird Beck beim Appell an die Masse vermutlich nicht gemeint haben.

Der 'Bundestag beschließt staatlich verordnetes Verhungern' (Claudia Klinger) | via Schockwellenreiter | und die bundesweite öffentliche Aufmerksamkeit ist ein zustimmendes Lächeln. "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen" zitierte erst kürzlich Arbeitsminister Franz Müntefering die Bibel. Bei den desillusionierten und diskriminierten Betroffenen erhebt sich bisher nur zaghafter Protest gegen weiteren Sozialabbau; Telefon-Überwachung und Aufenthaltspflicht werden zum Alltag.

Die 356 bundesweiten Job-Center sollen durch den Einsatz von kostenintensiven 'Außen- und Prüfdiensten' jährlich 200 'Missbräuche' aufdecken. Die Bundesregierung erwartet nach Verabschiedung des 'Hartz-4-Fortentwicklungsgesetz' Leistungskürzungen von bis zu 500 Millionen Euro. Dagegen hat die Bundesagentur für Arbeit die Hoffnung der Bundesregierung auf massive Einsparungsmöglichkeiten bei Hartz 4 gedämpft. Nach ihren Angaben seien lediglich 26 Millionen Euro an Leistungen zu Unrecht ausgezahlt worden, das sind nur etwa 0,4 Prozent der im ersten Quartal 2006 ausgezahlten Summe. Mit dem entsprechenden politischen Willen und der konsequenten Verfolgung von Steuerhinterziehung wären jährlich Mehreinnahmen von mindestens 25 Milliarden Euro möglich. Vielleicht noch diese Zahlen: Die Bundesregierung schätzt den Schaden, der durch die fehlerhaft von der Firma T-Systems programmierte Software A2LL (zur Bearbeitung des ALG II) entstanden ist, auf 28 Millionen Euro, die vertraglich vereinbarte Haftung endet bei fünf Millionen Euro.

Rudolf Hickel, Direktor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen, hält die aktuelle Diskussion über Hartz 4, faule Arbeitslose und hohe Kosten für eine üble Inszenierung | netzeitung.de |. 'Die Große Koalition - maßgeblich Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber – heizt die Debatte immer wieder an. Die Opfer der Arbeitsmarktkrise werden zu Tätern stilisiert. Das ist eine perfide Situation'.

foto : aus Unser Schöner Neuer Wedding | Berlin 1987
link : Hartz IV ist offener Strafvollzug | ooblog

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Mai 08, 2006

Robin Hoods in Hamburg

Sponti-Gang schockiert Wohlhabende

Beklemmende Unsicherheit unter Hamburgs Millionären: Eine Sponti-Gang greift nach den Edelgütern der Reichen - angeblich um den Armen zu helfen. Die Polizei in der Hansestadt ist ratlos.
Andreas Ulrich für SPON weiter...

//update 13.05.2006
Störtebekers Erben haben nun auch TELEPOLIS erreicht. Aktion mit langer Presseschleife: der Hamburger Euromayday war bei der mopo bereits am 29.04.06 auf der Titelseite zum 'Klassenkampf vor dem 1.Mai'.
komplette Presse der Superhelden im FrischeParadies "bezahlt wird nicht"

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April 19, 2006

Hartz IV ist offener Strafvollzug

In ungewöhnlich scharfer Form hat der Chef der Drogeriekette dm, Goetz Werner, die Hartz-IV-Gesetze kritisiert. In einem Interview mit dem Hamburger Magazin stern sagte der 62-Jährige: "Hartz IV ist offener Strafvollzug. Es ist die Beraubung von Freiheitsrechten. Hartz IV quält die Menschen, zerstört ihre Kreativität." Es sei ein Skandal, "dass eine rot-grüne Regierung dieses destruktive Element in die Gesellschaft gebracht" habe.
weiter ... | via stern |

Die Diskussion um ein 'bedingungsloses Grundeinkommen' ist nicht neu, verschiedene Gedanken zu diesem Thema lassen bei der attac-AG nachlesen. Populärer ist allerdings nichts am Denkmuster zu ändern, und Arbeitslose zu kriminalisieren oder ihren 'Arbeitswillen' |STN| zu prüfen.

link : Grundeinkommen | Götz Werner
AG : Genug für Alle | Attac

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April 15, 2006

Die Zombies über Berlin

Manuela Mechter beschreibt in einem Feature für die Süddeutsche Zeitung ihre Arbeit in der Poesie-Werkstatt und über Kinder, die versuchen, sich auf diese Welt einen Reim zu machen.
Die Zombies über Berlin | via sueddeutsche.de/kultur/ |

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März 29, 2006

Leben lieben

Kinder haben in Deutschland: Warum Nachwuchs nicht nur eine Geldfrage ist.
weiter ... | via Tagesspiegel Online |

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