Mai 15, 2008

HARTZ IV SUXX

= HARTZ IV saugt aus

Mit schamlosen Fragen und Plakaten auf denen verstümmelte, gesichtslose Rumpfmenschen um Aufmerksamkeit buhlen, bewirbt der Kölner Stadtanzeiger gerade ein als Frühjahrsbelebung der schwindenden Abozahlen gedachtes online-Quiz. Speziell die Hartz IV -Plakate sind sozial - zynisch und die Menschenwürde verachtend.

Ein gutes Beispiel für die Deutschen Zustände, wie eine Regierungsstudie die von Angst und Unsicherheit geprägte gesellschaftliche Stimmungslage nennt. In der aufkeimenden Disziplinierungs- und Diskriminierungsatmosphäre* kann man sich ungehemmt empörende Kampagnen auf dem Rücken armer Menschen leisten, oder "Diät-Vorschläge" verbreiten, dass sich Arbeitslose locker von 4,25 € (Hartz IV-Tagessatz) gesund ernähren könnten, wie es der Berliner Finanzsenator Sarrazin (SPD) nicht müde wird zu behaupten, während seine Regierung ebenso locker Millionen mit Immobiliengeschäften im Spreebogen verzockt.

Der komplette Artikel ist bei 4SUXX zu finden.

* Peter Grottian
stellt die spannende Frage: "Warum lassen wir die Herrschenden soweit kommen, wo ist unser Widerstand, wo unser ziviler Ungehorsam, wo unser Widerstand, der den Herrschenden weh tut?"

Die Beantwortung überlässt er Heribert Prantl von der SZ, den er zitiert:
... die Disziplinierungs- und Diskriminierungsstruktur bildet als alltägliche Diskriminierung die Brücke Hartz IV. Wer Deutschland am Hindukusch verteidigt muss nicht nur die Militärausgaben ausweiten, sondern durch die Verbreitung von sozialen Ängsten eine terrorismustrotzende und soziale Akzeptanz herstellen.
Oder anders: Hegemonialer Smog militärischen Denkens erzeugt auch tendenziell die soziale Disziplinierung nach Hartz IV - mit Leistungen, die kein menschenwürdiges Leben zulässt, mit hundertausendfachen Zwangsumzügen und privatesten Beschnüffelungsmaßnahmen. 7,4 Millionen Menschen sind betroffen. 2,6 Millionen Kinder sind verarmt. Krieg und sozialer Krieg haben ein gebrochenes, nicht kausales aber strukturelles Entsprechungsverhältnis. Für ein abenteuerliches Kriegs- und Sicherheitsversprechen kann die Demokratie nicht vor die Hunde gehen!

aus der Rede Für mehr zivilen Ungehorsam!, vom 15.09.2007

grafik : 4SUXX | cc license

Labels: , , , ,

Mai 03, 2007

National Day of Prayer

National Day of Prayer

via Fefe

Labels: , , ,

April 25, 2007

Stasi 2.0 bereits aktiv

Stasi 2.0

Das Bundeskanzleramt hat am heutigen Mittwoch in der Sitzung des Innenausschusses des Bundestags eingeräumt, dass die umstrittenen heimlichen Online-Durchsuchungen von Computern durch Geheimdienste des Bundes bereits seit 2005 auf Basis einer Dienstvorschrift des damaligen Bundesinnenministers Otto Schily (SPD) stattfinden. ... Eine Verletzung des Fernmeldegeheimnisses und des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung sehe die Regierung nicht.
Bundesregierung gibt zu: Online-Durchsuchungen laufen schon, Stefan Krempl für heise

No Stasi 2.0Foto und Logo unter Verwendung der Stasi 2.0-Grafik
von Dirk Adler / CC-Lizenz
links :
Von der Anti-Terrordatei zum Präventivstaat, Stefan Krempl / c't
Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Kampagne

update : 4/26/2007
na also, wer will sich eine solche Aktion schon entgehen lassen. Dank Spreadshirtgründervaterdruck gibt es jetzt ein STASI 2.0 shirt im dataloo.shop.

Labels: , , , ,

April 24, 2007

Ablenkung 2.0

Es sieht so aus, als wüssten wir immer mehr. Und jetzt können wir das alles via Web 2.0 miteinander austauschen und diese Zahlen noch stärker nach oben treiben. "Mehr" heißt "mehr", nicht mehr.

Harald Taglinger versucht die Zeitfalle Web 2.0 zu entlarven, die in Blogs und Mitmach-Maps gehörig Energie schluckt, 'um überhaupt erst einmal durch das tägliche Rauschen an diverse Info-Bits zu kommen.' Die Freiheit der Inhalte im grenzenlos scheinenden Internet hat eine nur wenig differenzierte Vermassung der Inhalte zur Folge. Seine Befürchtung, "dass sich eine Generation im Web durch Mitmach-Trallala im digitalem Müll seinen eigenen Kokon gräbt" kann man auch als sozio-kulturelle Strategie bezeichnen. Die Generation web2.0 ist in unzähligen Communities beschäftigt und vom eigenen Leben abgelenkt, virtuell glücklich.

Taglinger tastet sich pragmatisch über die enorm gestiegene Datenflut an das Phänomen heran, immerhin ist es ein erster Ansatz.
Die 2.0-Überfütterung, Harald Taglinger für | telepolis |

Dem vermeintlichen Hype um die Mitmach-Blase widersprechen auch die aktuellen Zahlen nicht, dass sich nur 0,16% der Besucher von Foto-, Video- und sonstigen Community Portalen aktiv an den Inhalten der Seiten beteiligen. Um die Phrase 2.0 im Gespräch zu halten, inszeniert sich die bloggende Szene gern durch abwechselnde Einladungen zu den von Webkonzernen gesponserten Gesprächsrunden. Mit weiteren Phrasen wie Partizipation 2.0 oder Citizen-Journalism werden treffliche Surrogate geliefert, die die stille Hoffnung einer kommerziellen Teilhabe an der Internet-Torte nicht offenlegen.
via | shortlist |

Labels: , , , ,

Februar 13, 2007

Lohnnebenkosten : die Wirklichkeit zerstört einen Mythos

Die nüchternen Zahlen widersprechen der gängigen Propaganda: 'Anteil der Lohnnebenkosten in Deutschland unter EU-Durchschnitt' lautet die Kernaussage des Statistischen Bundesamts in der jetzt veröffentlichten Studie 'Lohnnebenkosten im europäischen Vergleich' (pdf, 96 kb).

"In Deutschland legen die Arbeitgeber je 100 Euro (an die Arbeitnehmer ausbezahlten) Bruttolohn 33 Euro obendrauf. In der Europäischen Union (EU 27) lag der Wert mit 36 Euro gut 3 Euro höher. Betrachtet man ausschließlich die bei uns täglich kritisierten gesetzlich auferlegten Lohnnebenkosten, so kommt das Statistische Bundesamt gar nur auf einen Wert von 20 Euro. Bei diesen gesetzlichen Aufwendungen der Arbeitgeber liegt Deutschland an 17. Stelle der 27 verglichenen EU Staaten," fasst es Wolfgang Liep auf den NachDenkSeiten zusammen. ... 'Und die „Mietmäuler“ in der Wissenschaft und in den Medien werden sich weiter den Mund über die angeblich zu hohen Löhne und die viel zu hohen Lohnnebenkosten wie eine Mantra nachbeten.'

Realität ist, dass die Reallöhne in den letzten Jahren gesunken sind: 'Während die Unternehmens- und Vermögenseinkommen laut Statistik 2006 um 6,9 Prozent zulegten, stiegen die Arbeitnehmerentgelte im Schnitt nur um 1,3 Prozent' Klaus Stark in Die Schere öffnet sich weiter/MA.

Realität ist ebenfalls die Tendenz der neoliberalen Reformpolitik: 'Für 2007 erwarten die Analysten im Schnitt von den Dax-Unternehmen eine Steigerung der Unternehmensgewinne um rund 12 Prozent. ... Dank der vom Jahr 2008 an geltenden Unternehmensteuerreform können Aktionäre mit höheren Nettogewinnen und damit auch höheren Dividenden der Unternehmen rechnen.' ham. in Steuerreform läßt Dax-Gewinne 2008 steigen/FAZ.net

Labels: , ,

Januar 05, 2007

Wundertüte für Obdachlose

wedding87

Man nennt sie Penner oder Berber, früher auch Land- oder Stadtstreicher. Gemeint sind Obdachlose, besser gesagt Wohnungslose, die am Rand dieser reichen Gesellschaft leben, und die sichtbare Form der Armut darstellen. In Deutschland gibt es keine offizielle Statistik der Wohnungslosen. Die aktuellste Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) in Bielefeld bezieht sich auf das Jahr 2004 mit ca. 345.000 Personen, davon leben ungefähr 20.000 ohne Unterkunft auf der Straße, darunter 9.000 Kinder. Die BAGW spricht davon, dass von den 'auf Platte' lebenden Menschen zwischen 1990 und 2004 mindestens 225 Menschen erfroren sind, und weitere 107 Wohnungslose seien vorwiegend von jugendlichen Tätern getötet worden.

Andere Schätzungen sprechen von etwa 591.000 Menschen in Deutschland ohne einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum. Zusammen mit ungefähr 269.000 Aussiedlern ergibt das immerhin bundesweit 860.000 Menschen ohne eine Wohnung; das entspricht knapp der Gesamteinwohnerzahl von Köln, der viertgrößten deutschen Stadt.

Die romantische, idealisierende Vorstellung von Obdachlosigkeit findet man in Paris im sogenannten Clochard. Die Hilfsorganisation 'Enfants de Don Quichote' nutzte das in weihnachtlichem Glanze strahlende und von zahlreichen Touristen bevölkerte Zentrum der Seine-Metropole, um auf die aktuelle Armut aufmerksam zu machen.

In Frankreich sind offiziellen Zahlen zufolge etwa 86.500 Menschen obdachlos. Nach Angaben des Hilfswerks Emmaus verfügen eine Million Menschen über keine Wohnung. 100.000 Menschen leben demnach auf der Straße, die übrigen in Wohnwagen, Zelten oder Obdachlosenheimen. Die kirchliche Stiftung Abbé Pierre spricht sogar von insgesamt 3,2 Millionen 'schlecht untergebrachten' Franzosen. Der Verein 'Die Kinder von Don Quichote' spendete 100 rote Zelte, die entlang des Kanals Saint Martin aufgestellt wurden, und zum Jahreswechsel zu einer Aufsehen erregenden Medienkampagne geführt haben. Prominente Künstler, Politiker und Journalisten wurden eingeladen, zum Zeichen der Solidarität mit den Obdachlosen eine Nacht in den Zelten zu verbringen. Ein 'Manifest für das Recht auf eine menschenwürdige Wohnung' wurde ausgerufen.

Vier Monate vor der Präsidentschaftswahl hat die französische Regierung reagiert und will das Recht auf eine Wohnung gesetzlich verankern und einklagbar machen. Ministerpräsident Villepin hat angekündigt, dass ein entsprechender Gesetzesentwurf bis Ende Februar im Parlament diskutiert werden soll. Die Präsidentschaftskandidaten überschlagen sich mit Wahlversprechen: der Kandidat der Konservativen Sarkozy verspricht, dass es in zwei Jahren keine Obdachlosen mehr geben werde, sollte er die Wahl gewinnen.

Hastig stellt Sozialministerin Catherine Vautrin eine Soforthilfe von 70 Millionen Euro bereit, damit Obdachlose länger in Notunterkünften betreut werden können. 'Don Quichote' gehen die Zugeständnisse der Rechtsregierung nicht weit genug. Die Hilfsorganisation fordert durchgehende Öffnungszeiten von Notunterkünften und mehr Sozialwohnungen. 'Auf dem Rücken der sozial Schwächsten sollen Punkte für den Wahlkampf gesammelt werden' vermutet der sozialistische Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë. Gesetze allein sind keine Lösung, wenn der politische Wille fehlt. Seit 2000 ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass 20 Prozent der Neubauten Sozialwohnungen sein müssen, doch viele 'gutbürgerliche' Kommunen drückten sich davor und zahlen lieber die vorgesehenen Strafen.

Die Situation in der Bundesrepublik Deutschland wird sich ab diesem Jahr für Obdachlose und sozial Schwache wohl deutlich verschärfen. Nicht ein einziger regionaler Wahlkampf wird ausgetragen von dem sie möglicherweise profitieren könnten - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Die BAGW forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, dem französischen Beispiel zu folgen und in die deutsche Verfassung ein Recht auf Wohnen einzuführen, das den Wohnungsverlust verhindert. 'Es ist eines modernen Sozialstaats unwürdig, dass Menschen von dem Verlust ihrer Wohnung bedroht sind, wenn sie ihre Miete nicht mehr bezahlen können', sagte Dr. Thomas Specht-Kittler.

Obdach- und Arbeitslosigkeit sind ein Teufelskreis, aus dem die Betroffenen kaum herauskommen können. Ab 1. Januar 2007 sollen für ALG2-Empfänger Sanktionsmaßnahmen schneller angewendet werden. Nach der zweiten 'Plichtverletzung' kann der Hartz 4-Regelsatz schon um 60 % gekürzt werden, sogar Heizungs- und Unterkunftskosten können davon betroffen sein. Ob diese Regelung verfassungskonform ist, wird sich in künftigen Verfahren zeigen. Hat man erst die Wohnung verloren, ist es fast unmöglich wieder eine Arbeit zu finden, da wohnungslose Menschen, die in Wohnheimen leben, pauschal von Leistungen zur Beschäftigungsförderung ausgeschlossen sind.

Der 'moderne Sozialstaat' wird den sozialen Druck erhöhen, weitere Reformen hat Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Neujahrsansprache bereits angesprochen. Mit alten Tricks wird die Bundesagentur für Arbeit auch weiterhin die Arbeitslosenstatistik glätten, und Vertreter der Großen Koalition werden ungeniert Arbeitslose denunzieren, offenbar vom verängstigten Wahlvolk geduldet.
Es ist sehr bezeichnend wie verhalten die deutsche Mainstream-Presse auf die Pariser Aktionen reagiert. Wieviele Menschen haben eigentlich seit Einführung der gesetzlichen 'Verordnungen zur Reform des Arbeitsmarktes' (Hartz 4) ihre Wohnung verloren? Ist das Thema spektakulärer wenn es Akademiker betrifft?

still.collage : Toter Wedding
aus dem Fotofilm 'Barrikaden' Berlin 1987 | © Uwe Haack

in READERSEDITION wurde der Artikel unter dem Titel Ganz unten - Obdachlose ohne Lobby veröffentlicht.

Labels: , ,

November 21, 2006

Mindestlohn für alle EU-Bürger?

Der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker hat sich für eine soziale Grundsicherung ausgesprochen.
"Jeder, der in einem EU-Mitgliedsland wohnt, hat Anspruch auf ein Mindesteinkommen", Juncker in einem Interview der FR.

Labels: ,

Oktober 10, 2006

Arbeitsunwilligkeit, das seltene Phänomen

kommentiert selbst das Handelsblatt eine aktuelle Pressemitteilung des DLT:
In der Diskussion um Leistungskürzungen für arbeitsunwillige Langzeitarbeitslose hat der Deutsche Landkreistag erstmals konkrete Zahlen vorgelegt. Die Daten zeigen, dass die Debatte eine ziemliche Spiegelfechterei ist: Bundesweit gibt es gerade ein paar tausend Fälle.
Parallel heizen Unions-Politiker erneut die Missbrauchsdebatte an, und forden schärfere Leistungskürzungen für arbeitsunwillige Hartz-IV-Empfänger, die SPD will die Vorschläge 'sorgsam prüfen'.

Labels: , ,

Oktober 09, 2006

Für ein Ende der Demut vor der Wirtschaft

ist bei attac das Motto für kommende Herbstaktionen gegen den Sozialkahlschlag:
Die schwarz-rote Regierung und die deutsche Wirtschaft lassen keinen Zweifel, wohin die ökonomische Reise geht: Weniger Lohn, weniger Arbeitsplätze, staatlich verordnete Armut durch Hartz IV. Und Finanzminister Steinbrück hat noch einen oben drauf gesetzt: Der Staat will nicht mehr dafür sorgen, dass ausreichend Geld für Gesundheitsvorsorge, Renten und Pflege zur Verfügung steht. Wer sich trotzdem absichern will, soll halt weniger Urlaub machen. weiter ... | via attac.ag |

Labels: , ,

August 14, 2006

Warnung an alle, nicht nur Arbeitslose

Arbeitslose sterben früher

mit diesen knappen Worten wird von Handelsblatt bis Fuldainfo (mit zynischem Grabschmuckfoto) eine aktuelle meinungsmachende 'Studie' der Universität Leipzig zitiert. Klartext für Arbeitslose, die gefälligst jede Arbeit annehmen sollen. Die vermeintlichen Erkenntnisse, dass sich Arbeitslose aus der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, und der psychische Druck krank machen kann, sind so alt wie das Thema Arbeitslosigkeit nach Zeiten der sogenannten Vollbeschäftigung.

Arbeitslose haben demnach eine kürzere Lebenserwartung als Erwerbstätige. Ursachen seien vor allem Depressionen und Suchtkrankheiten wie Alkoholismus, bei Frauen auch Tablettensucht, Erschöpfungssymptome und Bluthochdruck bis hin zum Herzinfarkt. Der Leiter des Instituts für medizinische Psychologie, Elmar Brähler, erklärte sich mit diesen 'wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen' zuerst der Zeitschrift 'Super Illu', dem auflagenstarken Zentralorgan des Ostens, das eher durch eine Falschmeldung 'Tod in der Super-Illu', als durch wissenschaftliche Artikel 'Alkohol lässt Engländer zehn Monate früher sterben' auffällt.

Die Arbeitssuchenden verzweifeln nach erfolglosen Bewerbungsversuchen, "und beginnen sich aufzugeben". Sie verlieren die soziale Integration und damit den eigenen Stellenwertes in der Gesellschaft. Krank werden könne aber schon jemand, der zwar einen Job, aber auch große Angst vor der Arbeitslosigkeit habe. "Auch so etwas schädigt die Gesundheit", betonte Brähler.

Interessant ist an diesen stimmungsmachenden, journalistisch meist unbearbeiteten und mittels news-aggregator übernommenen Zeilen eigentlich nur der Zeitpunkt der Veröffentlichung am Ende des innenpolitischen Sommerlochs. Mit Wortmeldungen zu Hartz4-Verschärfungen und Arbeitsdienst für Arbeitsunwillige wurde die Stimmung in den letzten Wochen aus den hinteren Reihen des Parlaments hoch gehalten.

Die Suggestion der Angst vor dem Jobverlust und der Vorstellung von einem leidvollen Leben an der Armutsgrenze bis zum Tod ist der bewusste Unterton dieser gefälligen 'Studienergebnisse'. Die Entlastung vom Arbeitszwang und Erfüllung eines jahrhundertealten Traums gilt es als Triumph zu feiern, und die Möglichkeiten eines bedingungslosen Grundeinkommens zu erörtern. Ein Arbeitsloser ist nicht unglücklich, weil er keine Arbeit hat, sondern weil er kein Geld hat, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Der nicht konsumierende kranke Arbeitslose ist in der Rentabilitätsrechnung dieser Gesellschaft lediglich ein doppelter Kostenfaktor.

Willfährige Lemminge, die die vermeintliche 'Studie' nachplappern, finden sich mit der Google-Suche Arbeitslose sterben früher

Andere Artikel zu diesem Thema:
Arbeitslos und verunglimpft - ein kalkuliertes Zahlenspiel
Hartz IV ist offener Strafvollzug

Labels: , ,

Juli 04, 2006

Das digitale Proletariat

Die neue Arbeitswelt? Nach wie vor gilt, dass durch eigene Arbeit niemand reich wird und wer das nicht glaubt, soll bei der Bank für Arbeit und Wirtschaft Ag nachfragen. Aber während die Reichen reicher werden und die Armen ärmer, können die globalen Eliten die Armen jetzt mittels neuer Technologien besser und billiger kontrollieren.
weiter... | via matrix.orf.at |
Eine matrix.Kolumne von Konrad Becker

Labels: ,

Juni 20, 2006

Armut ist Verbrechen

In der 'täglichen Ration Wahnsinn' beim Schockwellenreiter finden sich unregelmäßig Text-Passagen von Karl Marx mit erstaunlicher Aktualität:
170 Jahre vor Hartz IV reformierte das englische Parlament die Armengesetzgebung: Dank öffentlicher Unterstützung ging es den Armen zu gut
Die Hauptquelle des akuten Zustandes des englischen Pauperismus fand es in dem Armengesetz selbst. Das legale Mittel gegen das soziale Gebrechen, die Wohltätigkeit, begünstige das soziale Gebrechen. Was den Pauperismus im allgemeinen betreffe, so sei er ein ewiges Naturgesetz, nach der Theorie von Malthus: "Da die Bevölkerung unaufhörlich die Subsistenzmittel zu überschreiten strebt, so ist die Wohltätigkeit eine Narrheit, eine öffentliche Aufmunterung für das Elend. Der Staat kann daher nichts tun, als das Elend seinem Schicksal überlassen, und höchstens den Tod der Elenden erleichtern."

Selbst schuld
Mit dieser menschenfreundlichen Theorie verbindet das englische Parlament die Ansicht, daß der Pauperismus das selbstverschuldete Elend der Arbeiter sei, dem man daher nicht als einem Unglück zuvorzukommen, das vielmehr als ein Verbrechen zu unterdrücken, zu bestrafen habe. weiter ... | junge welt |
| via schockwellenreiter |

Labels: , ,

Juni 12, 2006

Arbeitslos und verunglimpft - ein kalkuliertes Zahlenspiel

wedding 8

Gerade rechtzeitig vor dem nationalen Fußballrausch hat der Bundestag das 'Gesetz zur Fortentwicklung der Grundsicherung für Arbeitsuchende' ('Optimierungsgesetz') beschlossen, da wettern nicht nur Unions-Politiker für weitere Einschnitte. Beeindruckend in ihrer Trivialität war Kurt Becks Ermahnung von Hartz-IV-Empfängern zu mehr Anstand, und 'nicht alles herauszuholen, was geht'.

Wenn CDU-Fraktionschef Volker Kauder die Arbeitsbereitschaft von ALG2-Antragstellern mit der Konfrontation eines 'Sofortangebotes' testen will, und Leistungskürzungen mit dem Generalverdacht des Missbrauchs begründet werden, dann formt man damit eine kollektive Stimmung, deren Ziel die Kriminalisierung zunehmender Bevölkererungsschichten ist. Populistische Mythenbildung ist schneller betrieben, als tiefgreifende Veränderungen zu entwickeln.

'Im Frühsommer 2006 sind die Unternehmen so positiv gestimmt wie seit dem Wiedervereinigungsboom nicht mehr', erklärt dagegen eine aktuelle Konjunkturumfrage. Die Arbeitslosigkeit werde nach der Erwartung des DIHK im Jahresdurchschnitt um rund 300.000 zurückgehen. Dies sei aber leider nur zu einem geringen Teil auf einen Aufbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zurückzuführen, stattdessen trügen auch eine Ausweitung der Ein-Euro-Jobs und statistische Bereinigungen im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktreform Hartz 4 zu dem Rückgang bei. Alles nur ein statistisches Problem?

Die 'Optimierung der Optimierung' wird Hartz 5 lauten, und weiterhin den Namen des ehemaligen Leiters der Kommission 'Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt' führen. Gegen Peter Hartz wurde im Oktober 2005 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue im Rahmen der VW-Korruptionsaffäre eingeleitet. Die Moral der Manageretage wird Beck beim Appell an die Masse vermutlich nicht gemeint haben.

Der 'Bundestag beschließt staatlich verordnetes Verhungern' (Claudia Klinger) | via Schockwellenreiter | und die bundesweite öffentliche Aufmerksamkeit ist ein zustimmendes Lächeln. "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen" zitierte erst kürzlich Arbeitsminister Franz Müntefering die Bibel. Bei den desillusionierten und diskriminierten Betroffenen erhebt sich bisher nur zaghafter Protest gegen weiteren Sozialabbau; Telefon-Überwachung und Aufenthaltspflicht werden zum Alltag.

Die 356 bundesweiten Job-Center sollen durch den Einsatz von kostenintensiven 'Außen- und Prüfdiensten' jährlich 200 'Missbräuche' aufdecken. Die Bundesregierung erwartet nach Verabschiedung des 'Hartz-4-Fortentwicklungsgesetz' Leistungskürzungen von bis zu 500 Millionen Euro. Dagegen hat die Bundesagentur für Arbeit die Hoffnung der Bundesregierung auf massive Einsparungsmöglichkeiten bei Hartz 4 gedämpft. Nach ihren Angaben seien lediglich 26 Millionen Euro an Leistungen zu Unrecht ausgezahlt worden, das sind nur etwa 0,4 Prozent der im ersten Quartal 2006 ausgezahlten Summe. Mit dem entsprechenden politischen Willen und der konsequenten Verfolgung von Steuerhinterziehung wären jährlich Mehreinnahmen von mindestens 25 Milliarden Euro möglich. Vielleicht noch diese Zahlen: Die Bundesregierung schätzt den Schaden, der durch die fehlerhaft von der Firma T-Systems programmierte Software A2LL (zur Bearbeitung des ALG II) entstanden ist, auf 28 Millionen Euro, die vertraglich vereinbarte Haftung endet bei fünf Millionen Euro.

Rudolf Hickel, Direktor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen, hält die aktuelle Diskussion über Hartz 4, faule Arbeitslose und hohe Kosten für eine üble Inszenierung | netzeitung.de |. 'Die Große Koalition - maßgeblich Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber – heizt die Debatte immer wieder an. Die Opfer der Arbeitsmarktkrise werden zu Tätern stilisiert. Das ist eine perfide Situation'.

foto : aus Unser Schöner Neuer Wedding | Berlin 1987
link : Hartz IV ist offener Strafvollzug | ooblog

Labels: , ,

Mai 08, 2006

Robin Hoods in Hamburg

Sponti-Gang schockiert Wohlhabende

Beklemmende Unsicherheit unter Hamburgs Millionären: Eine Sponti-Gang greift nach den Edelgütern der Reichen - angeblich um den Armen zu helfen. Die Polizei in der Hansestadt ist ratlos.
Andreas Ulrich für SPON weiter...

//update 13.05.2006
Störtebekers Erben haben nun auch TELEPOLIS erreicht. Aktion mit langer Presseschleife: der Hamburger Euromayday war bei der mopo bereits am 29.04.06 auf der Titelseite zum 'Klassenkampf vor dem 1.Mai'.
komplette Presse der Superhelden im FrischeParadies "bezahlt wird nicht"

Labels: , ,

April 19, 2006

Hartz IV ist offener Strafvollzug

In ungewöhnlich scharfer Form hat der Chef der Drogeriekette dm, Goetz Werner, die Hartz-IV-Gesetze kritisiert. In einem Interview mit dem Hamburger Magazin stern sagte der 62-Jährige: "Hartz IV ist offener Strafvollzug. Es ist die Beraubung von Freiheitsrechten. Hartz IV quält die Menschen, zerstört ihre Kreativität." Es sei ein Skandal, "dass eine rot-grüne Regierung dieses destruktive Element in die Gesellschaft gebracht" habe.
weiter ... | via stern |

Die Diskussion um ein 'bedingungsloses Grundeinkommen' ist nicht neu, verschiedene Gedanken zu diesem Thema lassen bei der attac-AG nachlesen. Populärer ist allerdings nichts am Denkmuster zu ändern, und Arbeitslose zu kriminalisieren oder ihren 'Arbeitswillen' |STN| zu prüfen.

link : Grundeinkommen | Götz Werner
AG : Genug für Alle | Attac

Labels: , ,

April 04, 2006

Vollbeschäftigung vielleicht 2030

Wenn Religion Opium fürs Volk ist, dann sind Wirtschaftsprognosen Light-Opiate.
Vollbeschäftigung gibt es in der BRD seit 25 Jahren nicht mehr, und in der DDR konnte sie nur bis 1989 subventioniert werden. Ein Zauber muss der 'Formel Vollbeschäftigung' innewohnen, warum wird sie unisono gepriesen?

Das Schweizer Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos zeichnet in seiner jüngst vorgelegten Studie ein düsteres Bild der Wirtschaftsentwicklung Deutschlands bis ins Jahr 2030:
Deutschland bis 2030 ohne Vollbeschäftigung | netzeitung |
Die 700seitige Prognose geht von der Annahme aus, dass erst 2030 eine Arbeitslosenquote von 6% erreicht werden kann, wenn 'die Politik ab 2010 einen funktionierenden Niedriglohnsektor schafft'.
Interessant ist dabei eigentlich nur der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser 'Studie', wird doch gerade heftigst um die staatliche Subventionierung (Kombilohn) von Niedriglöhnen gestritten. Bereits aktuell erhalten mehr als 900.000 Vollzeit-Erwerbstätige zusätzlich ALG2-Leistungen, da sie mit ihrem Vollzeit-Niedriglohn-Job den notwendigen Lebensunterhalt nicht finanzieren können.
Tatsächlich kann in einem weitgehend deregulierten kapitalistischen Wirtschaftssystem keine sogenannte 'Vollbeschäftigung' erreicht werden, bzw. ist sie nicht wünschenswert.

Zum Vergleich 'Die Thesen für ein bedingungslosen Grundeinkommen' der Initiative 'Freiheit statt Vollbeschäftigung'.

Labels: , ,