Warnung an alle, nicht nur Arbeitslose
Arbeitslose sterben früher
mit diesen knappen Worten wird von Handelsblatt bis Fuldainfo (mit zynischem Grabschmuckfoto) eine aktuelle meinungsmachende 'Studie' der Universität Leipzig zitiert. Klartext für Arbeitslose, die gefälligst jede Arbeit annehmen sollen. Die vermeintlichen Erkenntnisse, dass sich Arbeitslose aus der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, und der psychische Druck krank machen kann, sind so alt wie das Thema Arbeitslosigkeit nach Zeiten der sogenannten Vollbeschäftigung.
Arbeitslose haben demnach eine kürzere Lebenserwartung als Erwerbstätige. Ursachen seien vor allem Depressionen und Suchtkrankheiten wie Alkoholismus, bei Frauen auch Tablettensucht, Erschöpfungssymptome und Bluthochdruck bis hin zum Herzinfarkt. Der Leiter des Instituts für medizinische Psychologie, Elmar Brähler, erklärte sich mit diesen 'wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen' zuerst der Zeitschrift 'Super Illu', dem auflagenstarken Zentralorgan des Ostens, das eher durch eine Falschmeldung 'Tod in der Super-Illu', als durch wissenschaftliche Artikel 'Alkohol lässt Engländer zehn Monate früher sterben' auffällt.
Die Arbeitssuchenden verzweifeln nach erfolglosen Bewerbungsversuchen, "und beginnen sich aufzugeben". Sie verlieren die soziale Integration und damit den eigenen Stellenwertes in der Gesellschaft. Krank werden könne aber schon jemand, der zwar einen Job, aber auch große Angst vor der Arbeitslosigkeit habe. "Auch so etwas schädigt die Gesundheit", betonte Brähler.
Interessant ist an diesen stimmungsmachenden, journalistisch meist unbearbeiteten und mittels news-aggregator übernommenen Zeilen eigentlich nur der Zeitpunkt der Veröffentlichung am Ende des innenpolitischen Sommerlochs. Mit Wortmeldungen zu Hartz4-Verschärfungen und Arbeitsdienst für Arbeitsunwillige wurde die Stimmung in den letzten Wochen aus den hinteren Reihen des Parlaments hoch gehalten.
Die Suggestion der Angst vor dem Jobverlust und der Vorstellung von einem leidvollen Leben an der Armutsgrenze bis zum Tod ist der bewusste Unterton dieser gefälligen 'Studienergebnisse'. Die Entlastung vom Arbeitszwang und Erfüllung eines jahrhundertealten Traums gilt es als Triumph zu feiern, und die Möglichkeiten eines bedingungslosen Grundeinkommens zu erörtern. Ein Arbeitsloser ist nicht unglücklich, weil er keine Arbeit hat, sondern weil er kein Geld hat, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Der nicht konsumierende kranke Arbeitslose ist in der Rentabilitätsrechnung dieser Gesellschaft lediglich ein doppelter Kostenfaktor.
Willfährige Lemminge, die die vermeintliche 'Studie' nachplappern, finden sich mit der Google-Suche Arbeitslose sterben früher
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