Juli 24, 2006

Erotische Lähmung

Das Joch der Ehe ist so schwer, daß man zwei Personen braucht,
um es zu tragen - manchmal drei

behauptete Alexandre Dumas, der heute vor 204 Jahren geboren wurde. Ein gänzlich anderes 'Frei machen' beschreibt der amerikanische Paartherapeut David Schnarch in seinem gerade in deutscher Übersetzung erschienenen Buch 'Die Psychologie sexueller Leidenschaft' (Passionate Marriage. Love, Sex, and Intimacy in Emotionally Committed Relationships, Henry Holt and Company, New York 2005).

Das Grundproblem vieler Paare sei falsch verstandene Intimität. Sexuelle Intimität setzt nach seiner Meinung die Fähigkeit voraus, sich dem Partner so zu zeigen (und sich dem Partner so zuzumuten), wie man wirklich ist. Das Streben nach Harmonie führt in die erotische Langeweile, dem Zweier-Dilemma nach den ersten verliebten Monaten und Jahren. Erst die Herausbildung eines 'differenzierten Ichs' bedeutet, sich selbst treu zu bleiben - auch wenn Ihr Partner Sie drängt, sich ihm anzupassen. Es braucht Mut und Reife, sich dem Partner mit all seinen Gefühlen und Ausdrucksmöglichkeiten anzuvertrauen; man geht das Risiko ein, daß er darauf nicht mit Entzücken und Empathie reagiert. Aber man hat keine andere Wahl, man muß das ertragen.
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David Schnarch lehnt Übungsprogramme zur Wiedererlangung der sexuellen Funktionsfähigkeit, wie sie noch vor Jahren von Masters, Johnson & Co gepriesen wurden, entschieden ab. Dabei verlangten die Übungen vom Partner oftmals eine nicht-fordernde Grundhaltung, die sein eigenes sexuelles Erleben behinderte sowie das Aufkommen einer partnerschaftlichen Intimität und Erotik erschwerte. Schnarchs Ansatz zeigt, daß Liebesbeziehungen zu einer Differenzierung des Selbst herausfordern müssen, um langfristig bestehen zu können. 'Erst wenn Menschen sich davon frei machen, von ihrem Partner bestätigt werden zu müssen, können Sie sich mit allen Facetten zeigen.' Zwei Partner sind zunächst (sexuelle) Individuen, erst in zweiter Linie Partner.

Anfangs verunsichern diese unterschiedlichen Bedürfnisse die eigene Männlichkeit oder Weiblichkeit, lösen Angst aus. 'Es bringt nichts, sich den Wünschen des Partners anpassen und in unehrlicher Weise seinen Erwartungen entsprechen zu wollen. Der einzuschlagende Weg ist, zu lernen, dem emotionalen Druck standzuhalten, den die Partner aufeinander ausüben. Man muß lernen, sich dem Partner gegenüber mit echten Gefühlen zu zeigen und in der Intimität bei sich selbst zu bleiben', beschreibt Jürg Willi im Vorwort den Schwerpunkt des Buches.

Sex mit offenen Augen
Die Bedeutung des partnerschaftlichen Geschlechtsverkehrs liegt weniger in der sexuellen Triebbefriedigung als in einem Kontinuitätsritual der Nähe; mit abnehmender Frequenz nimmt der Leidensdruck der unerfüllten Liebesbestätigung zu. 'Sobald die Verschmelzungsphase einer Beziehung zu Ende geht, ist die Differenzierung wichtig, um die Lebendigkeit der sexuellen Schwingungen zu erhalten. ... Der Austausch von erotischen Schwingungen wird in einer stabilen Paarbeziehung mit der Zeit zu einem Akt des Willens und der Integrität. Erotische Schwingungen sind eine Möglichkeit, beim Sex in jedem Augenblick mit dem Partner im Gleichklang zu sein' beschreibt Schnarch die Tatsache, dass allein 'Zuneigung' gerade im Bett nun mal kein ausreichender oder eindeutiger Wegweiser ist. 'Sie sind nicht Monate oder Jahre zu gestresst für Sex. Wenn Sie Sex und Ihren Partner mögen, können Sie einen noch so fordernden Job haben, und Sie haben abends Lust auf Sex.'

schnarch.amazonFür Schnarch ist die alltägliche Kontaktaufnahme der Partner wichtig, das Aussenden und Empfangen von erotischen 'Schwingungen'. Das ist 'Sex mit offenen Augen' zur besten Sendezeit. An dieser Spannung können nur selbstbewußte 'differenzierte Ichs' arbeiten, wenn der Sex mit dem Partner nicht 'nur ein Boxenstop für die fremd-bestätigte Intimität' gewesen sein soll. Schnarchs Schwergewicht unterstützt mit alltäglichen Beispielen den Weg zu einer erfüllten Liebesbeziehung als einer 'people growing machine', und legt eine erotische Spur in ein wiederentdecktes Verlangen.

Die Psychologie sexueller Leidenschaft
Klett-Cotta 2006
511 Seiten, gebunden, € 29,50 | amazon
foto : eva | cc oolab

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